OPINIE, PRACE I INTERPRETACJE


Bruno Schulz und Franz Kafka - der unmittelbare Vergleich ihrer Biographien

Autor: Konrad Kurzacz

Viele Literaturwissenschaftler haben während der letzten Jahrzehnte auf die Ähnlichkeit der Werke von Franz Kafka und Bruno Schulz hingewiesen, doch dem Vergleich der zwei sehr ungewöhnlichen Biographien dieser Schriftsteller hat man vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei ähneln sich doch diese undurchschnittlichen Lebensläufe in sehr vielen Punkten, was uns bei der Konfrontierung der Werke sicherlich eine sehr große Hilfe sein wird.

Kafka war neun Jahre älter als Schulz und auch der älteste unter seinen Geschwistern. Schulz dagegen war der Jüngste in seiner Familie, doch auch das schwächste Kind. Beide gehörten jüdischen Familien an, die jedoch schon zum größten Teil assimiliert waren und sich um den Wohlstand mehr sorgten, als um die jüdische Tradition, die als äußerlicher Schmuck verkommen musste. Infolgedessen lebten die beiden ihre Religiosität mehr in ihren Werken, als in der Wirklichkeit, aus. Es fiel den beiden später auch nicht schwer, Beziehungen zu Nicht-Jüdinnen einzugehen, und, im Falle Schulzens, auch der geliebten Frau wegen, aus der jüdischen Gemeinde auszutreten. Natürlich konnten sie kein Hebräisch, denn die Eltern selbst beherrschten nur einzelne Wörter der Sprache vergangener Zeiten. Kafka hat in seinen letzten Lebensjahren den Versuch unternommen, Hebräisch zu lernen, doch dieser musste an seiner schwindenden Gesundheit und einem eher kleinen Sprachtalent scheitern.

Beide lebten in ihrer Kindheit vor dem Ersten Weltkrieg zwar unter österreichisch-ungarischer Verwaltung, doch Prag und Drohobycz lagen auf ursprünglich tschechischem und polnischem Territorium, wo sich der Widerstand gegen die Besatzungsmacht allmählich zu formen begann. Die patriotische Thematik findet jedoch in ihren Werken keinen Platz, der für ihre Traumwelten reserviert war. Keinem von ihnen gelang es, obwohl sie es vergeblich versuchten, ihre Heimatstädte, die sie mal liebten, mal hassten, zu verlassen. Kafka schreibt einmal an seinen Freund Oskar Pollak ironisierend:

"Prag läßt nicht los. Uns beide nicht. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muß man sich fügen oder-. An zwei Seiten müßten wir es anzünden, am Vysehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich. Vielleicht überlegst Du es Dir bis zum Karneval." (1)

Vielleicht ist ihre Unbeholfenheit in dieser Sache das Ergebnis ihrer Entfremdung, die ihre Person vor allem Fremden wie ein Schutzmantel schützte. Von großen Schriftstellern sind wir es jedenfalls gewohnt, dass die Schauplätze ihrer Biographien ständig wechseln und ihre Entwicklung widerspiegeln, doch Kafka und Schulz waren in dieser Hinsicht zwei extreme Ausnahmen. Der Lebensabschnitt, der ihr Werk und ihr ganzes späteres Leben beeinflussen sollte, war die Kindheit. Hier muss man sowohl die Quellen für die vielen Komplexe, die sie hatten, als auch die vielen Symbole, die in ihren Werken immer wieder auftauchen, suchen. Schulz gibt dessen Ausdruck in Briefen an Stanis³aw Ignacy Witkiewicz und Andrzej Ple¶niewicz:

"Ich weiß nicht, woher wir in der Kindheit zu bestimmten Bildern mit entscheidender Bedeutung für uns gelangen. Sie spielen die Rolle jener Fäden in Lösungen, um die herum sich für uns der Sinn der Welt kristallisiert. [...] Mein Ideal ist zur Kindheit 'heranzureifen', das wäre erst die wirkliche Reife." (2)

Beide waren ängstliche und empfindliche Kinder von sehr zarter und verletzlicher Natur. Damit ist nicht nur ihre Psyche gemeint, sondern auch ihr körperlicher Zustand. Schulz musste sich sein ganzes Leben mit schweren Krankheiten und einem Herzfehler rumplagen. Dass er im Sportunterricht der schwächste war und von den anderen Kindern deswegen gehänselt wurde, ist schon bereits gesagt worden. Obwohl Kafka um zwei, drei Köpfe größer war als Schulz, so fühlte er sein ganzes Leben lang seine körperliche Schwäche (vor allem seinem mächtig gebauten Vater gegenüber), die ihm 1917 einen entscheidenden Schlag versetzte, als man bei ihm Kehlkopftuberkulose feststellte, an der er schließlich im Alter von einundvierzig Jahren sterben musste. Kafka spricht wahrhaft prophezeiesche Wörter aus, als er sechs Jahre vor dem Ausbruch seiner Krankheit in seinem Tagebuch folgende Worte notiert: "Sicher ist, daß ein Haupthindernis meines Fortschritts mein körperlicher Zustand bildet. Mit einem solchen Körper läßt sich nichts erreichen." (3) Sowohl Kafka als auch Schulz verbrachten viele Zeit in Sanatorien, wo sie sich dem Heilungsprozess ihres Körpers (und der Seele nebenbei) unterziehen mussten.

Schon während ihrer Kindheit wird ihre persönliche Abgrenzung zu dem Rest der Kinder in der Schule oder auf dem Hof deutlich. Ihre Entfremdung beginnt also mit der Einsamkeit, deren Spuren man schon in ihren frühen Kinderjahren suchen muss. Wenn man im Falle Kafkas und Schulzens das Wort Kindheit ausspricht, so darf man keinesfalls die Rolle der Väter außer Acht lassen, denn ihre Väter waren Gestalten von zentraler Bedeutung in ihrem Leben und Werk. Kafkas Vater war für seinen Erstgeborenen ein Tyrann, der einen echten Kafka aus ihm machen wollte, obwohl der Charakter und das Gemüt des Sohnes kaum gegensätzlicher ausfallen könnte. Schulzens intelligenter und träumerisch veranlagter Vater war dagegen zu seinem Sohn sehr sanft, deswegen liebte ihn Schulz so sehr, dass er ihn in seinen Texten verewigte, doch auf eine viel positivere Weise wie Kafka seinen Vater. Beide Väter besaßen Geschäfte, die nur dank der Mitgiften der Ehefrauen gegründet werden konnten. Hermann Kafka verkaufte Galanteriewaren, Jakob Schulz handelte mit Textilien.

In der Schule hatten beide keine Schwierigkeiten, weil sie sehr begabte und fleißige Schüler waren und ihr Abiturexamen mit Auszeichnungen ablegen konnten. Sowohl Kafka als auch Schulz mussten die bittere Erfahrung machen, an der Hochschule Fachrichtungen zu studieren, die ihnen keinen Pfennig Spaß machten. Kafka ließ sich von seinem Vater überzeugen, Jura zu studieren, denn dies war die einzige humanistische Fachrichtung, die nach dem Studium ein gutes Einkommen garantierte. Die gleiche Situation wiederholte sich im Falle Schulzens, der nur auf Anraten seines pragmatischen Bruders Izydor die Architektur an der Technischen Hochschule Lemberg wählte. Kafka hatte jedoch mehr Glück als Schulz, da er im Gegensatz zu Schulz sein Studium beenden und in einen ordentlichen Beruf einsteigen konnte. Schulz musste sich gezwungenermaßen mit einem kleinen Lehreretat zufrieden geben, der für ihn zu einer lebenslangen Qual wurde.

Kafkas und Schulzens Beziehungen zu Frauen waren sehr seltsam und keiner von ihnen heiratete und von Nachkommen war auch nicht die Rede gewesen. Kafka war dreimal verlobt: zweimal mit Felice Bauer und einmal mit Julie Wohryzek. Er hatte die panische Angst, ein Ehe- und Familienleben würde ihn daran effektiv hindern, dem Schreiben nachzukommen, das für ihn Alles bedeutete. In Schulzens Fall war es nicht viel anders. Er war in seinem Leben nur einmal verlobt, mit der zum Katholizismus konvertierten Józefina Szeliñska. Doch auch in der Liebe holte ihn die Wirklichkeit ein: Szeliñska fand eine Arbeit in Warschau und so machten beide aus, dass Schulz ihr in diese Stadt folgen würde, doch dieser Plan musste scheitern, weil Schulz es nicht geschafft hat, aus Drohobycz auszuziehen, denn sein ganzes Schaffen war mit dieser Stadt verbunden und nur hier, dachte er, könne er dieser Tätigkeit schöpferisch nachkommen. Auf diese Weise musste diese Beziehung scheitern.

Was Einem auffallen kann, ist die Tatsache, dass sowohl Kafka als auch Schulz Unmengen von Briefen an ihre Verlobten und auch an viele Bekannte richteten. Man hegt die Vermutung, dass Kafka seine Brieffreunde (vor allem Felice Bauer) als leere Wände benutzte, die er mit Projektionen füllte. Sicherlich ist daran etwas wahr, wenn man sich die in die Hunderte gehende Briefzahl vor Augen hält, doch spielte hier sicherlich auch seine Entfremdung eine nicht minder wichtige Rolle, die er mit Hilfe der Briefe zu kompensieren versuchte. Er suchte durch die vielen Briefe einfach nur menschliche Nähe, der er sich in der realen Welt verweigerte, und einen Menschen, der ihn verstehen würde, denn manchmal konnte er sich selbst nicht verstehen: "Was habe ich mit Juden gemeinsam ? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam und sollte mich ganz still, zufrieden damit daß ich atmen kann in einen Winkel stellen." (4) Dies dürfte wohl die menschlichste aller Erklärungen für diese Briefflut sein. Ähnlich durfte es auch im Falle Schulzens gewesen sein, obwohl dieser auch durch seine Briefkorrespondenz das Provisorium einer Nähe zu anderen Intellektuellen seiner Zeit aufrecht zu erhalten versuchte, denn hier, im provinziellen Drohobycz, war er von den geistigen Strömungen seiner Zeit, die man vor allem in Warschau zu suchen hatte, abgeschnitten. Leider sind die meisten seiner Briefe dem Krieg zu Opfer gefallen, im Gegensatz zu den Briefen Kafkas, die weit mehr Platz einnehmen als seine literarischen Texte.

Beide mussten relativ früh sterben. Kafka erlag mit einundvierzig Jahren seiner Tuberkulosekrankheit, doch er hatte das Glück, den Holocaust nicht miterleben zu dürfen und auf eine tragische Weise zu sterben wie Schulz. Wenn es um die unmittelbaren Kontakte der beiden Dichter zueinander geht, so muss man leider mit Bedauern feststellen, dass es diese nie gegeben hat. Kafka kannte Schulz nicht, der erst Jahre nach seinem Tod zu Ruhm gelangt ist. Schulz dagegen war mit den Texten Kafkas bestens vertraut, denn viele Motive, die wir vor allem in seinen "Zimtläden" finden, waren mit denen Kafkas zum verwechseln ähnlich. Außerdem half Schulz seiner Verlobten Józefina Szeliñska, den "Prozeß" Kafkas erstmals ins Polnische zu übersetzen. Jahrzehntelang glaubte man, diese Übersetzung stamme von Bruno Schulz, doch hat dieser die Übersetzung nur mit seinen Namen unterschrieben, um dem Buch zu größerem Erfolg zu verhelfen. Das Nachwort zur polnischen Erstausgabe des "Prozeß" ist jedoch zweifelsohne mit der Hand Bruno Schulz' geschrieben. Darin bezeichnet er Kafka als "Schöpfer großen Formats [...], der um die Entbindung der tiefsten Probleme des Daseins kämpfte." (5) Dass er sich von Max Brods religiöser Auslegung des "Prozeß" irreführen ließ, ist eine andere Geschichte.

Die größten Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden geheimnisvollen und von Legenden umwehten Schriftstellern bestehen jedoch nicht in den trockenen biographischen Fakten, sondern in ihrem Charakter, ihrer Seele, ihrem Fühlen und ihrer eigenartigen Rezeption der Welt und des Lebens. Beide mussten sich durchs Leben quälen und verfielen oft in depressive Zustände, die sich an ihren letzten Lebenskräften zu schaffen machten. Sie schufen in ihren Werken traumhafte Welten, voll von phantastischen Begebenheiten und schwer erklärbarer Symbolik, die in den Texten mit der Wirklichkeit zu Einem verschmolzen.

Sowohl Kafka als auch Schulz waren, am mildesten ausgedrückt, von der Welt, die sie im realen Leben antrafen, wenig begeistert. Kafkas und Schulzens literarische Welten ähnelten sich sehr, doch ihnen liegen verschiedene Wirklichkeitsbewältigungen zu Grunde. Kafkas Welt ist eine tief pessimistische, in der das Individuum den Machtinstanzen, egal was oder wen diese repräsentierten, hoffnungslos ausgeliefert ist. Schulz dagegen dichtete sich eine Welt zusammen, in der die uralten Mythen, die in jedem Menschen tief schlummerten, zu neuem Leben erweckt werden sollten. Trotz dieser Verschiedenheit können wir sagen, dass es kaum zwei andere Schriftstellerleben gibt, die sich in solch hohem Grade ähneln.

2004 copyright by Konrad Kurzacz

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(1).Kafka, Franz: Briefe 1902-1924. Hrsg. von Max Brod (1958). New York/Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, S. 14.
(2).
Schulz, Bruno: Die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes. Aufsätze und Briefe. Hrsg. von Jerzy Ficowski (2000). München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 90, 107.
(3).Kafka, Franz: Tagebücher. Hrsg. von Hans-Gerd Koch, Michael Müller und Malcolm Pasley (2002). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 263.
(4).Ibidem, S. 622.
(5).Schulz, Bruno: Die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes. Aufsätze und Briefe. Hrsg. von Jerzy Ficowski (2000). München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 242.

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